In Deutschland gibt es in allen Bundesländern zu Karfreitag ein Tanzverbot. Das erscheint mir nicht nur deswegen unzeitgemäß, weil über die Hälfte der Menschen in Deutschland nicht im christlichen Sinne religiös ist, sondern auch seltsam, weil es nicht die Aufgabe eines Staates ist, religiöse Bräuche mit Gesetzen zu universalisieren und durchzusetzen, unabhängig von kontingenten Mehrheiten und Minderheiten. Religion ist im Rahmen eines säkularen Staates zu schützen, Minderheiten, Kultur und Religionskritik aber ebenso. Man sollte niemanden in seiner Karfreitagstrauer stören, aber auch niemanden an einem Freudentanz hindern, solange er diesen nicht im Rahmen einer religiösen Feier vollführt, bei der das Tanzen als unsittlich gilt. Es ist ja ebenso denkbar, dass zufällig eine kleine religiöse Gemeinschaft existiert, die Karfreitag nicht mit dem Tod Jesu verbindet, sondern mit einem fröhlichen Anlass, den es zu feiern gilt. Es wäre rassistisch und undemokratisch, eine solche Feier zu unterbinden. Genau das würde das Tanzverbot jedoch implizieren. Religiöse Gruppen mögen ihre Schutzräume für ihre Bräuche zu Recht beanspruchen, das gesamte Staatsgebiet aber nicht. Tanzen kann als Ausdruck der persönlichen Freiheit und ebenso als Gefühlsausdruck und Meinungsäußerung verstanden werden. Es wäre verständlich, wenn man das Stürmen einer Kirche zu Karfreitag als Gewaltakt deutet, aber das Tanzen in der Öffentlichkeit zu verbieten, selbst wenn es der Religionskritik dient, passt nicht in eine Demokratie, die Grundrechte schützen sollte, zu denen auch das Recht gehört, zu tanzen. Man ist zurecht empört, wenn man von islamistischen Tanz-, Bild- und Musikverboten hört. Am Karfreitag zeigt sich, dass es Relikte eines solchen Terrors auch in Deutschland gibt.
Das Tanzverbot – Ein undemokratischer Anachronismus, der Grundrechten entgegen steht
Warum Gott sich Atheisten wünschen würde …
Wenn ein allgütiger, allmächtiger und allwissender Gott existieren würde, wäre alles menschliche Handeln ethisch irrelevant. Das eigene Verhalten mag dann darüber entscheiden, ob man in den Himmel oder die Hölle kommt – was für eine kindliche Phantasie …. -, aber es wäre ethisch bedeutungslos, da es im vorgegebenen Handlungsrahmen eines entsprechenden allgütigen, allmächtigen und allwissenden Gottes stattfinden würde, der selbst in einer Welt, in der der Mensch einen als unabhängig gedachten freien Willen hat, ständig die Notbremse ziehen oder Ausgleichshandlungen initiieren könnte. Für die Anderen wäre es nicht wichtig, was wir täten, somit ist Gott nichts, was vorausgesetzt werden muss, damit Ethik funktioniert, sondern hinsichtlich der praktischen Vernunft hauptsächlich ein Tranquilizer für das Gewissen.
Kapitalismus und Eigenverantwortlichkeit
Es gibt vieles, was man an kapitalistischen Wirtschaftsordnungen aus philosophischen und volkswirtschaftlichen Perspektiven angreifen und verteidigen kann. In diesem Artikel soll es nicht darum gehen, da die Grundzüge des Systems nicht leicht zu ändern wären und eine große Uneinigkeit darüber herrscht, was man auf der Makro-Ebene – wenn überhaupt – ändern kann und ändern sollte. Es geht in dem folgenden Text weniger um politische Programme und Systementwürfe als um ethisches Handeln innerhalb der Schranken eines mehr oder weniger freien Marktes. Die Bewertung des Kapitalismus als Ganzes wird ausgespart, um sich zunächst auf das zu konzentrieren, was innerhalb kurzer Zeit realisierbar ist und worüber Einigkeit herrscht und was auch weitgehend oder gänzlich unabhängig von politischen Entscheidungen sowie Wahlentscheidungen innerhalb demokratischer Systeme ist. Es soll gezeigt werden, dass kapitalistische Systeme heterogen sind und dem Einzelnen eine große Macht über ihre spezifische Ausgestaltung geben, die mit Verantwortung einhergeht. Es geht darum, etwas Offensichtliches zu sagen, was gerne verdrängt wird: Kapitalismus ist nur so schlimm, wie die Teilnehmenden ihn machen. Uneinigkeit in bestimmten Fragen besteht nicht (nur) mit einem nebulösen System-Dämon, sondern mit dem eigenen Handeln und mit den Menschen um einen herum. Es lohnt sich, hier anzusetzen, das eigene Verhalten zu ändern und in der Nachbarschaft zu diskutieren.
Insbesondere die Nachfrage-Seite wird in Diskussionen gerne ausgespart. Die Bösen, das sind immer die anderen und wenn man selbst problematisch handelt, schiebt man die Verantwortung ab auf eine Art systemimmanenten Dämon nach dem Motto “Wenn ich’s nicht täte, würde es jemand anderes machen.” Das ist zumindest teilweise falsch: Wie das System aussieht, hängt mit davon ab, wie der Einzelne innerhalb seiner Schranken agiert. Jede Entscheidung fließt in das große Ganze mit ein. Selbst wenn man die eigene Wahlentscheidung auf der politisch-demokratischen Ebene für wenig einflussreich hält, was problematisch ist, weil es sich schnell aufsummiert, wenn alle so denken würden, haben die Entscheidungen darüber, was wir kaufen und verkaufen und was und wie wir arbeiten notwendig direkten Einfluss auf das Ganze, selbst wenn es nur Nachkommastellen in größeren Rechnungen betrifft. Auf der wirtschaftlichen Ebene brauchen wir keine kritische Masse wie innerhalb des politischen Systems. Auf wirtschaftlicher Ebene entscheidet nicht die Mehrheit, sondern es entscheiden alle Teilnehmer. Wenn wir ein bestimmtes Produkt nicht kaufen, weil wir beispielsweise die Art der Herstellung problematisch finden, dann bedeutet das, dass die Nachfrage nach diesem Produkt geringer ist und deshalb weniger Anreiz besteht, es (auf diese Art) zu produzieren. Wenn wir erkennen, dass wir Massentierhaltung aus tierethischer Perspektive nicht akzeptieren, dann sollten wir entsprechende Produkte nicht mehr kaufen und mit unseren Freunden und Bekannten darüber diskutieren, warum wir die entsprechende Perspektive haben, denn das hat direkten Einfluss auf die Produktion entsprechender Produkte. Man mag Massentierhaltung auf Makro-Ebene verbieten, das ist aber gelinde gesagt kompliziert und ein langwieriger Prozess und man wird gegen eine große Lobby ankämpfen müssen, die über große finanzielle Mittel verfügt sowie gegen viele, die Massentierhaltung nicht problematisch (genug) finden. Noch problematischer wird es beim Fischfang, denn dieser findet in internationalen Gewässern statt. Ein durchgeführter Boykott bestimmter Produkte ist dagegen relativ einfach umzusetzen und mit direkten Folgen verbunden. Dass so etwas funktioniert, sieht man an dem Bio-Boom innerhalb des letzten Jahrzehnts. Problematisch ist hier, dass die entsprechenden Vorgaben des Bio-Siegels nicht ausreichen. Doch auch hier hat ein entsprechender Boykott sowie die mediale Ausbreitung der eigenen Meinung über soziale Netze sofortige Auswirkungen. Ähnliches gilt für den Handel mit Kakao und Kaffee und für viele Umweltprobleme sowie soziale Probleme. Klar, das kann für den Einzelnen zunächst eine Einschränkung des Konsums bedeuten, aber gerade auf der Nordhalbkugel sollten wir uns fragen, ob wir dafür wirklich zu arm sind.
Ähnliches gilt für die eigene Arbeit. Wenn diese ethisch problematisch ist, dann können wir sie markttechnisch kritisieren, indem wir sie ablehnen, was sie teurer – und im Idealfall bei sehr problematischer Arbeit zu teuer – macht, da das entsprechende Angebot auf dem Arbeitsmarkt schwindet. Auch für Lohnsteigerungen kann das ein Mittel sein. Um die eigene Entscheidung hier noch effizienter zu machen, hilft wiederum die diskursive Verbreitung über Diskussionen im Bekannten-Kreis und über soziale Netze.
Tatsache: Wir können immer etwas tun. Die kapitalistische Wirtschaftsordnung ist insbesondere auf der Produkt-Nachfrage-Seite dezentralisiert und bildet sich in ihrer Ausgestaltung durch aufsummierte Einzelfallentscheidungen. Ohnmacht gegenüber dem System. Das ist – vielleicht nicht immer, aber – oft eine Ausrede.
Obama im Nah-Ost-Konflikt – Kein Optimismus in Sicht
Auch wenn Obama in Israel mit wehenden Fahnen empfangen wird, bietet sein Besuch kaum Anlass zum Optimismus. Obama wirkt distanziert und sowohl Israel als auch Palästina setzen wenig Hoffnung in ihn. Die Kritik am Siedlungsbau und die vergangene Kairo-Rede distanzieren ihn von Netanjahu und die Palästinenser demonstrieren in Ramallah mit “No Hope”-Plakaten und zeigen sich sichtlich enttäuscht. Weder die Israelis noch die Palästinenser scheinen den amerikanischen Präsidenten besonders zu mögen – nun möchte Obama die Wogen glätten, die er mit seiner Kairo-Rede in Israel geschlagen hatte und nähert sich wieder an Israel an- vermutlich, um dem Säbelrasseln aus dem Iran geschlossen entgegen treten zu können, vielleicht fürchtet er im Westjordanland auch eine ähnliche Situation wie im Gaza-Streifen – für den Frieden in Palästina hat das jedoch keine positiven Auswirkungen. Hatte er in seiner Kairo-Rede noch behauptet, dass israelischer Siedlungsbau und Friedensgespräche unvereinbar seien, ist nun von dem Einsatz für Palästina wenig zu bemerken. In Ramallah fordert er dezent dazu auf, zum Verhandlungstisch zurückzukehren und in Israel übt er dezent Kritik am Siedlungsbau. Insgesamt wirkt er zu neutral. Er scheint sich nicht wirklich einmischen zu wollen und bezieht keine eindeutige und klare Position. Seine Distanz wirkt letztendlich destruktiv auf Friedensbemühungen. Mit der Rede von Kairo hatte Obama Hoffnung gesät, die er nun enttäuscht. Er ruft zwar in Israel das Volk dazu auf, für eine friedensfreundlichere Politik zu werben, doch würde er eine engagiertere und härtere Linie gegen die Siedlungsexpansion, gegen religiösen Extremismus und gegen Rassismus von beiden Seiten fahren, gäbe das dem Friedensprozess vielleicht eine Chance So müssen sich die Palästinenser im Westjordanland notwendig allein gelassen fühlen, denn die Zugeständnisse an Israel bleiben für sie ohne positive Wirkungen – auch Abbas zieht sich zurück und möchte nicht erneut kandidieren. Obama betont, dass Israel ein Recht hat, sich zu verteidigen. Das stimmt ohne jeglichen Zweifel, doch ist der Siedlungsbau alles andere als defensiv und forciert keinen Frieden, sondern den Rassismus und die Hirnlosigkeit der Hamas.
Interreligiöse Ethik und Spiritualität als Transzendenz durch Agenz und Kommunion
Wendet man Ken Wilbers systemtheoretische Ansätze auf religiöse Diskurse an, so kann man in ihnen – analog zu anderen Systemen – zwei Grundkräfte identifizieren: Agenz und Kommunion. Agenz ist die Selbsterhaltung eines (hier) religiösen Systems, das heißt, eine definitorische, d.i. eine abgrenzende Kraft, die dafür sorgt, dass eine Religion eine Identität durch Unterscheidbarkeit von anderen Religionen erhält. Kommunion dagegen versucht, Unterschiede zu überwinden und sich mit anderen zu verbinden. Beide Kräfte liefern Impulse dafür, dass ein supraholistisches, ausdifferenziertes Metasytem entsteht, das als interreligiöse Ethik und Spiritualität verstanden werden kann. Vereinfacht verstehe ich auch metaphysische Deutungen, die ohne Gott auskommen, als Religion. Religiöser Fundamentalismus kann als Ausdruck von Agenzbestrebungen verstanden werden, während die Betonung von Gemeinsamkeiten in Ethik und Gottesvorstellungen auf Kommunion zurückzuführen ist. Würde nur die Agenz bestehen, könnten interreligiöse Dialoge nicht fruchtbar sein und als sinnvoll verstanden werden. Würde nur die Kommunion bestehen, müsste sich die Unterschiedlichkeit der Religionen auflösen. Beides ist nicht der Fall. Vielmehr gibt es einzelne Religionen ebenso wie interreligiösen Dialog. Durch die beiden Grundkräfte im Rahmen von ständig einfließenden diskursiver Unterschiedlichkeit und damit Störung, die ständig gegeneinander wirken, kommt es dazu, dass übergeordnet zu den Religionen eine neue holistische Ebene emergiert: Interreligiöser Ethik und Spiritualität, die Agenz und Kommunion integriert. Diese holistische Ebene richtet ähnlich wie ein Staat seine Bürger die einzelnen Religionen in Beziehung zu anderen Religion aus hat sowohl eine definitorische wie auch eine diplomatische Kraft. In der Interdependenz der globalisierten Welt können Religionen nicht überleben, wenn sie zu viel Agenz ausstrahlen, da sie damit wiederum Agenz sowohl von anderen Religionen als auch von Seiten interreligiöser Ethik und Spiritualität ausstrahlen lassen und somit diskursive Kritik bishin zu kriegerischen Angriffen provozieren. Religionsfreiheit als Menschenrecht und damit elementarer Bestandteil echter Demokratien ist eine direkte Auswirkung metareligiöser Diskurse und muss sich überall dort durchsetzen, wo verschiedene Religionen stark sind. Im Rahmen dieser hermeneutischen Theoriebildung ist abzusehen, dass diejenigen Religionen, die ethisch vollständig inkommensurabel zu anderen Religionen erscheinen, aussterben und dass zugleich eine kulturell-religiöse Unterschiedlichkeit besteht, die als Reichtum verstanden werden kann, da aus Chaos höhere Ordnung emergiert. Ähnlich wie Kant von einem Bund freier Staaten geträumt hat, kann von einem Bund freier Religionen begründet geträumt werden. Gerichtet fortschreitende Zeit bedeutet in diesem Sinne Fortschritt durch Emergenz. Dieser Fortschrittsgedanke ist mit dialektischen Vorgängen vergleichbar, geht aber über die stumpfen Formen bekannter Geschichtsdialektik hinaus. Aufklärung ist damit kein bürgerlich-begrenztes Phänomen, das abgeschlossen ist, sondern ein Grundprinzip des ethischen Diskurses, das in seinen Auswirkungen noch in den Kinderschuhen steckt.
Eindrücke aus Palästina und Israel – Gedanken zum Nahost-Konflikt und zu Religionen als Identifikationsfaktoren
Ich war für drei Wochen in Israel und habe unter anderem das Westjordanland besucht und am Jerusalem-Marathon teilgenommen. Es war eine Urlaubsreise ohne politischen oder religiösen Hintergrund, doch wenn man Israel besucht, wird man vermutlich immer auch über den Nahost-Konflikt nachdenken, dessen Folgen teilweise erfahren und, sofern einem Judentum und Islam noch recht unbekannt sind, neue kulturell-religiöse Kenntnisse erlangen, die meiner Ansicht nach direkt in den Nahostkonflikt einfließen, da sich die Gegner in diesem Konflikt meist stark religiös identifizieren und sehr viel Gewalt in diesem Konflikt von Gruppen streng religiöser Menschen ausgeht – so ist die Hamas im Gazastreifen eindeutig als islamistisch einzustufen und der Attentäter, der Rabin getötet hat, war orthodoxer Jude und seine Tat war möglicherweise durch ein Gespräch mit einem konservativen Rabbi mitbestimmt. Der persönliche Teil der Reise war für mich zwar von elementarer Bedeutung, doch passt er nicht auf dieses Blog und so dreht sich der folgende Beitrag um politische und religiöse Themen und ist keine Reisebericht. Da ich mich mit dem Nahost-Konflikt nicht insoweit auskenne, dass ich mir ein abschließendes Urteil erlauben würde, möchte ich bloß ein paar grundlegende Informationen geben bzw. auf sie linktechnisch Verweisen, Eindrücke beschreiben sowie Gedankengänge mitteilen, die mich auf meiner Reise begleiteten, was aber nicht bedeutet, dass ich versuche eine gänzlich neutrale Position einzunehmen, da ich mir von einem persönlichen Standpunkt, der sich noch auf ein frühes Informationsstadium gründet, hermeneutische Möglichkeiten eröffne.
Israel der Gegenwart
Israel ist ein vielfältiges und modernes Land. Die Wirtschaft ist ähnlich stark wie in Deutschland. Im Vergleich zu den Palästinensergebieten, in denen 1/3 der Bevölkerung unter der Armutsgrenze lebt, ist das sehr, sehr reich, was man auch unmittelbar an der unterschiedlichen Wohn-, Gewerbe- und Lebenssituation erkennt. Israel ist militärisch im Verhältnis zu seiner Bevölkerungszahl sehr, sehr stark, was sich durch die stetige Bedrohung durch Nachbaarstaaten und Palästina begründet und mit Atomwaffen sowie hohen Steuern verbunden ist und mit einer ausgeprägten Wehrpflicht einhergeht (Männer drei Jahre, Frauen zwei – Ausnahmen für Nicht-Juden und streng religiöse Menschen). Auch außerhalb der Westbank und des Gazastreifens leben Araber in Israel, größtenteils sunnitische Muslime, die Bevölkerungsmehrheit in Israel stellen jedoch Juden dar, von denen sich ca. die Hälfte als säkular versteht. Sowohl Judentum als auch Islam zeigen sich in Israel sehr pluralistisch. Es gibt säkulare Araber und Moslems, die Alkohol trinken sowie Moslems, die auf Seiten Israels in der IDF (Armee) kämpfen und Juden, die den Schabbat im religiösen Sinne nicht ernstnehmen. Genauso gibt es aber auch strenggläubige orthodoxe Juden und strenggläubige Muslime, die stark durch die Identifikation mit der eigenen Religion geprägt sind, was auch innerhalb der Ethnie identifikatorische Funktionen hat und was sich innerreligiös sowohl im Islam als auch im Judentum jeweils gut erklären lässt, weil das Judentum ursprünglich eine volksbezogene Religion war bzw. eine jüdisch-dezidiert-religiöse Ethnie und da sich der Islam stark von anderen Religionen abgrenzt – durch das Judentum teilweise auch im Rahmen der Thora/Koran-Geschichten über die Söhne Abrahams (Ismael (Urahn der Araber) und Isaak (Urahn der Israeliten), d.h. ebenso volksbezogen. Im Judentum wird Israel als gottgegebens Land der Juden begründet und im Islam wird die eigene Verbreitung propagiert. Die Existenz eines primär jüdischen Israels ist historisches Faktum. Ebenso ein historischer Fakt ist jedoch, das die Araber vor dem Zionismus jahrhundertelang im heutigen Israel die Mehrheit bildeten. Daraus lassen sich für beide Seiten Ansprüche ableiten. Während die Großstadt Tel Aviv säkular und “westlich” geprägt ist, ist Jerusalem, das ebenfalls wirtschaftlich und architektonisch sehr modern erscheint, ein Ort, an dem sehr viele orthodoxe Juden leben, die man schon von weitem an ihrer Kleidung erkennt. Die Politik Israels ist heterogen. Von konservativ-jüdischen Kräften geht stets ein sehr großer Einfluss aus, es gibt aber auch starke progressive Kräfte. Hauptsächlich wird in Israel hebräisch gesprochen, Englisch (meist als Zweitsprache) und Arabisch sind ebenfalls verbreitet und hilfreich. Mir begegneten Israelis fast immer gastfreundlich und zuvorkommend. Viele machten im Gespräch klar, dass sie für Frieden sind.
Gesonderter Status Jerusalems
Jerusalem ist die offizielle Hauptstadt Israels. Zudem ist es aber auch erklärtes Ziel der PLO (gewesen, wenn man die Anerkennung Israels durch die Fatah entsprechend liest), Jerusalem als Hauptstadt eines palästinensischen Staates zu begründen. Ost-Jerusalem wurde von Israel im Sechstagekrieg annektiert, was von der internationalen Staatengemeinschaft jedoch nie anerkannt wurde. Meiner Ansicht nach haben sowohl Israelis als auch Palästinenser einen rechtmäßigen Anspruch auf Jerusalem, was im Rahmen des Nahostkonflikts gelinde gesagt auch deshalb kompliziert ist, da von israelischer Seite keine Zugeständnisse zu erwarten sind und ein Teil-Anspruch durch die Fatah nicht durchsetzbar wäre, geschweige denn auf großen Rückhalt in der palästinensichen Bevölkerung stoßen würde. Beide Seiten sind also durch starke Kräfte geprägt, die den Konflikt weiter schüren und sich nicht einigen möchten. Der Jerusalem-Marathon an dem ich teilgenommen habe, lief auch durch Ost-Jerusalem. Er wird von einigen Menschen als politisch verstanden, da er auch durch Ost-Jerusalem führt. Der linke israelische Politiker Meir Margalit sieht in ihm eine völkerrechtswidrige und illegetime Machtdemonstration Israels. Einige Araber interpretieren das ähnlich und rufen den hauptsächlich jüdischen Läufern in Ost-Jerusalem “Fuck You!” zu.
Autonome Palästinensergebiete in der Gegenwart
Der Gazastrafen und das Westjordanland bilden zusammen die autonomen Palästinensergebiete. Da im Gazastreifen die radikal-islamistische Hamas regiert und im Westjordanland die gemäßigte Fatah, die miteinander schon in einem innerpalästinensichen “Kampf der Brüder” verwickelt waren und da die israelische Kontrolle in der Westbank größer ist, kann man den Gebieten nicht gerecht werden, wenn man sie nicht gesondert betrachtet.
Das Westjordanland
Das Westjordanland ist von Israel teilweise besetzt und ist in die ABC-Gebiete dreigeteilt. In den C-Zonen (70 % der Fläche, allerdings relativ geringe Bevölkerungszahl) regelt Israel das Sicherheits- und Bauwesen, was die Autonomie der Palästinenser stark einschränkt und sie auch wirtschaftlich schwächt. Es gibt Checkpoints und Kontrollen und bestimmte Straßen sind für Palästinenser nicht zu benutzen, was eine Einschränkung der Reisefreiheit – ein Menschenrecht – bedeutet und den Besuch von Verwandten sowie die Wirtschaft behindert . Die UN und die EU finanzieren große Teile des Bildungswesen und sozialer Einrichtungen, das Geld reicht jedoch nicht aus. Viele palästinensische Lehrer arbeiten zeitweise ohne Gehalt, die Schulen sind überfüllt. In der Armut, dem Mangel an Bildung und der erlebten Ungerechtigkeit durch Israel ist meiner Ansicht nach auch ein Grund für den Zulauf zu Islamismus zu sehen, der zwar nicht gerechtfertigt werden kann, aber in diesem Rahmen verständlich erscheint. Das Westjordanland ist teil-autonom und faktisch kann man sagen, dass es von der Fatah im Rahmen der Palästinensischen Autonomiebehörde (mit)regiert wird. Die Fatah hat der Gewalt abgeschworen und Israel offiziell anerkannt. Es gibt zwar immer wieder Unruhen und viele (vermutlich die meisten) Palästinenser sind Israel gegenüber feindlich gesinnt, doch geht von offizieller Seite keine Bedrohung für Israel aus [sic!]. Die wirtschaftliche Lage ist krisenbedingt desolat – im Vergleich zum Gazastreifen jedoch etwas besser . Ca. ein Drittel der Palästinenser leben unter der Armutsgrenze. In der Westbank ist es schwer, an Arbeit zu gelangen und nach Israel kommt man als Palästinenser nur, wenn man eine Arbeitsgenehmigung hat. Nur wenige Touristen verirren sich ins Westjordanland. Als Tourist ist man in der Westbank zwar gefährdet, da es auch islamistische Kräfte begegnen, doch begegnen einem die meisten Palästinenser – wenn man nicht hebräisch spricht – freundlich und zuvorkommend – mir wurde ein Brot geschenkt und ich konnte mich ebenso wie in Israel mit einigen Leuten auf Englisch verständigen. Ziel der Fatah ist nach wie vor ein autonomer und säkularer [sic!] palästinensicher Staat, was meiner Ansicht nach absolut berechtigt ist. Die Beziehungen und Wiederannäherung zur radikal-islamistischen Hamas sind jedoch als problematisch einzustufen. Hautpsächlich leben im Westjordanland Muslime. Man sieht auf den Straßen zwar viele Frauen, die ein Kopftuch tragen, aber auch welche, die keines tragen. In den Städten gibt es viel Werbereklame für “westliche” Produkte wie Coca-Cola.
Der Gazastreifen
Der Gazastreifen wird von der radikal-islamistischen Hamas regiert, die u.a. aus dem Iran unterstützt wird. Er ist nach einer relativ aktuellen UN-Resulution nicht als besetzt einzustufen, obwohl viele westliche Medien aus Unwissen entsprechendes behaupten. Israel kontrolliert die Grenzen, es gibt aber keine ABC-Gebiete wie in der Westbank. Vom Gazastreifen aus gibt es immer wieder illegitime Angriffe auf Israel und es kommt immer wieder zu israelischen Angriffen, die zwar auf islamistische Führer gerichtet sind, meist aber auch viele Zivilisten treffen und so von Friedensorganisationen als unverhältnismäßig und damit völkerrechtswidrige kritisiert werden. Der Gazastreifen ist noch ärmer als die Westbank und in ihm ist der Islamismus verbreitet, was meiner Ansicht nach durch die Erfahrungen mit Israel und dem iranischen Einfluss mitbestimmt ist. Außerdem präsentiert sich die Hamas neben dem religiös-islamistischen Part als soziale Organisation, die Hilfsangebote für Palästinenser bietet. Die Gewalt zwischen Gaza und Israel ist als permanenter Krieg mit temporären Waffenstillständen einstufbar. Ich selbst bin nicht in den Gazastreifen gereist und kann deshalb nur allgemeine Daten nennen.
Der Nahostkonflikt – Interpretation als religiös mitbestimmter Konflikt qua Integrationsfunktion und gleichzeitiger Desintegration mit der Gegenseite
Ich sehe es als Faktum an, dass Israel existiert und als Faktum, dass viele Palästinenser in einer desolaten Lage sind. Ebenso sehe ich es als Faktum, dass sehr viele, wenn nicht sogar die meisten Israelis und Palästinenser unschuldig sind, insbesondere, weil sie in ihre Länder hineingeboren sind und Kollektivschuld albern wäre. Es muss darum gehen, für beide Seiten eine gute Lösung zu finden und den Menschen ein würdiges Leben zu ermöglichen. Momentan scheint man davon weit entfernt zu sein und prinzipiell kann jeder Mensch durch Kommunikation und aktives Handeln unabhängig von Schuld Verantwortung übernehmen.
Nun möchte ich meine persönliche Meinung zum Nahostkonflikt im Rahmen meiner eigenen Interpretation darstellen, die auf Basis eines funktionalistischen Religionsverständnisses in Teilen des Islams und des Judentums Wurzeln des Nahostkonflikts sieht. Damit möchte ich nicht Religionen im Allgemeinen oder Judentum und Islam im Allgemeinen verteufeln, vielmehr Prozesse analysieren, die sich auf Integration und Desintegration qua Religion gründen. Ich möchte mich auch vom pseudowissenschaftlichen und meiner Ansicht nach faschistoiden Religionsverständnisses von Marx distanzieren. Die Richtigkeit metaphysischer Inhalte von Religion ist nicht auszumachen, schon dahingehend wäre es anmaßend von Religion als “grundlegend falschem Bewusstsein” zu sprechen. Es gilt als modern und aufklärerisch, den Nahostkonflikt als nicht-religiös zu sehen, als vornehmlich “politisch” oder “kulturell” oder ‘gar “wirtschaftlich”. Ich sehe darin aber eine Leugnung von tatsächlichen Auswirkungen von religiösen Formen, die niemandem dienlich ist. Es ist sicherlich richtig, dass Religion sehr heterogen ist und dass viel Juden und Muslime aus religiösen Gründen Gutes tun und sich für Frieden engagieren. Außerdem ist klar, dass es nicht genuin jüdisch oder genuin islamisch ist, sich hemmungslos zu bekriegen und Gewalt zu sähen. Es gibt viele Menschen, die gerade auf Basis ihres religiösen Glaubens sozial handeln und einwandfrei ethisches Verhalten zeigen. Der Islam ist eine semitische Religion und geht damit auch auf Abraham zurück. Die zehn Gebote der Thora, die implizieren, dass man einander nicht ermorden soll, sind für beide Seiten bedeutsam. Im Koran ist die Gewalt gegenüber Menschen, die Muslime nicht bekriegen, verboten. Wenn man eine Kollektivschuld ablehnt, gilt für große Teile Israels, das sie qua dieses Arguments kein Ziel für Gewalt darstellen dürfen. Aus den Religionen lassen sich also friedensfördernde Gebote ableiten. Wie komme ich nun trotzdem dazu, in Religionen eine Wurzel des Konflikts zu sehen? Nun:
Nach Durkheim und vielen anderen Ethnologen und Religionswissenschaftlern haben Religionen identitätsstiftende Funktionen. Die Religion konstituiert ein “Wir” und ein “Die Anderen”. Dies mag schon sprachlich-kulturell oder ethnisch existieren, doch Religion ist hier ein stark verstärkender Faktor: Man kann sich das aus entsprechenden Sichten im Extremum so vorstellen: Die Palästinenser, das sind die Anderen, die, die den Schabbat nicht ehren, die nicht kosher essen etc., denen Gott nicht das heilige Land versprochen hat… Die Juden, das sind die anderen, die Allah nicht ehren und nicht vor ihm niederfallen, diejenigen, die Ismaels Söhne nicht anerkennen.
Aber auch jenseits solcher Ansichten bilden religiöse Gebote, Riten und Mythen teilweise bewusste, teilweise unbewusste Bedingungen dafür, dass man sich als ein Volk, eine Religion, eine Einheit versteht und sich vom Anderen abgrenzt. Man kann die Lage auch so verstehen: Nicht primär Juden oder Moslems leben in Israel/Palästina sondern primär Menschen und unzählige werden immer wieder unrechtmäßig umgebracht. Die meisten ohne jeglichen rationalen Grund, aber religiös motiviert. Die Gewalt geht immer wieder von islamistischen oder konservativ-jüdischen Kräften aus. Und in dem Islamismus hat Israel zugleich eine Legitimationsmöglichkeit für weitere Aggressionen. Die Terroranschläge aus palästinensischer Seite gehen von Islamisten aus. Rabin wurde von einem konservativen Juden umgebracht, der in den Friedensprozessen einen nationalen Verrat sah, was aus einer ethischen Perspektive, die alle Menschen als zunächst überaus wertvoll versteht, nicht sinnvoll ist, aber aus einer Perspektive, die in den Juden Gottes auserwähltes Volk sieht, einer brutalen inneren Logik folgt. Religion sorgt für eine Integration auf der eigenen Seite und damit oft (nicht notwendig – nahezu analog zum Unterschied zwischen Patriotismus (den anderen nicht notwendig abwertend) und Nationalismus (den anderen abwertend) kann man zwischen spiritueller (den anderen nicht abwertend) und maligner Religion (den anderen abwertend) unterscheiden, wenn einem eine dualistische, modellhafte Zweiteilung lieb ist) zugleich für eine Desintegration mit der Gegenseite. Dass die Gewalt von Menschen ausgeht, die sich als sehr religiös verstehen, ist also kein Zufall.
In unserer pluralistischen Welt hat ein solches spaltendes Bewusstsein von Religion keinen Platz: Wir sollten uns dagegen alle als Menschen verstehen und die Menschenrechte, die stetiger Bedrohung ausgesetzt sind, achten und fördern. Das bedeutet auch eine Achtung der Religion, insbesondere derjenigen des Anderen, selbst wenn man Teile von Ihnen als problematisch erkennt. Eine Erkenntnis dieses Problems fordert aber auch die Darstellung maligner religiöser Prozesse. Freilich können Menschenrechte und eine progressive Ethik auch in Religionen begründet werden. Kant sieht in Gott das transzendentale Ideal, das von der praktischen Vernunft vorausgesetzt wird, also gerade primär ethischer Natur ist, doch ohne religiöse Identifikationen würden auch viele Gewaltformen ihrer Grundlage entzogen. Ich richte mich also gegen Fanatismus, nicht gegen Religion im Allgemeinen, obwohl ich Religion und religionsähnliche Phänomene zugleich als Bedingung der Möglichkeit von schlimmen Formen des Fanatismus sehe und sie dahingehend problematisiere und werbe für eine tiefergehende Identifikation, die in dem Anderen nicht oder zumindest nicht nur den Andersgläubigen, sondern den Menschen sieht.
Spekulative Lösungen des Theodizee-Problems
Das Theodizee-Problem lässt sich folgendermaßen darstellen:
- (P1) Wenn Gott existiert, dann ist er ein allmächtiges, allgütiges und allwissendes Wesen.
- (P2) Gäbe es ein allmächtiges, allgütiges und allwissendes Wesen, so gäbe es kein Leid bzw. keine Ungerechtigkeit.
- (P3) Es gibt Leid bzw. Ungrechtigkeit.
- (K) Also existiert Gott nicht.
Sowohl Prämisse P1 als auch Prämisse P2 sind angreifbar.
Zu (P1): Es gibt viele Gottesvorstellungen, die Gott nicht als allmächtiges, allgütiges und allwissendes Wesen konzipieren. Insbesondere in Polytheismen ist dies häufig der Fall. Manche behaupten sogar, dass Allmacht in sich widersprüchlich sei.
Zu (P2): Hier sind umfangreiche metaphysische Spekulationen und ethische Gedanken interessant. Faust sagt im gleichnamigen Drama von Goethe, bevor er den Pakt mit dem Teufel schließt, dass von “Freud’” nicht die Rede sei und er sich dem “Taumel” weihe. Er möchte erfahren, was es in seiner ganzen Schärfe heißt, ein Mensch zu sein und dies impliziert Leiden. Es scheint also der Fall zu sein, dass Leiden nicht per se schlecht ist und so muss Allgüte nicht notwendig das Fehlen von Leiden implizieren. Auch Sokrates zieht das Leben als “unglücklicher Sokrates” dem Leben als “glückliches Schwein” vor. Bei Hegel ist der Mensch eine Art Abspaltung von Gott, um die Selbsterkenntnis von Gott zu fördern und dabei sind auch “leidvolle” Erfahrungen impliziert. Erkenntnis kann als höherer Wert betrachtet werden als Glück. Wenn man die Prämisse mit Ungerechtigkeit liest, wird es schon schärfer. Wie kann es sein, dass Kinder in Kriegen sterben und dass trotzdem Gott existiert. Hier ist eine Rettung eines allgütigen, allwissenden und allmächtigen Wesens nur möglich, wenn man metaphysisch spekuliert und bspw. mehrere Leben, ein Ausgleich im Jenseits oder vll. eine Wahl des Lebens vor der Geburt annimmt, die man vergisst. Tatsächlich scheinen hier metaphysische Spekulationen einen Ausweg zu liefern. Man mag sie mit Ockham’s Razor ablehnen, aber eine Sicherheit, dass sie nicht den Tatsachen entsprechen, existiert nicht.
Fazit
Das Theodizee-Problem mag eine intellektuelle Spitze gegen bestimmte Gottes- und Weltkonzeptionen bieten, aber es sagt nicht, dass notwendig kein Gott existiert, da man bestimmte Prämissen sehr gut angreifen kann.
Philosophischer Diss-Kurs
Möchte man einen Philosophen dissen, weil beispielsweise gerade die eigene Lieblings-Fußballmannschaft verloren hat, so ist das oft gar nicht so schwer. Man muss sich nur irgendein Argument, einen Essay oder eine Arbeit herausgreifen, in der der Philosoph besonders schwach ist bzw. war, ein paar 0815-Thesen bringen und schon kann man sich so richtig geil fühlen, weil man jemanden ‘mal so richtig als Deppen dargestellt hat, der von anderen für genial gehalten wird. Wenn man selbst das Denken eines Genies zu Fall bringt, muss man ja ein Super-Hecht sein. Wer Descartes dissen möchte, braucht sich nicht an der analytischen Geometrie versuchen, sondern kann ganz entspannt auf den cartesischen Gottesbeweis zielen. Wer Blaise Pascal ‘mal so richtig als Vollhorst dastehen lassen möchte, muss nicht dessen Dreieck angreifen, sondern kann sich einfach die Wette vornehmen. Eine weitere Möglichkeit ist es, sein Opfer absichtlich so zu deuten, dass das, was es sagt, selbst einer bekifften Amöbe schwachsinnig erscheinen müsste. Häufig muss man es dafür bloß immer wörtlich nehmen oder ihm Prämissen unterjubeln, die es nie teilen würde.
Philosophie eignet sich überhaupt überaus gut, um das Gegenüber für einen Idioten zu halten und sich selbst für den Größten. Das Wahre und Gute mögen ja auf die Fahne geschrieben sein und auch erstrebenswerte Ziele sein, aber eigentlich ist die Selbstbezeichnung “Philosophie” überheblich und primär deshalb cool, weil man damit so schön “Sophisten” battlen kann, die nicht wie man selbst in einer Tonnen leben. Die Naturwissenschaften kommen der Wahrheit oder wenigstens den anwendbaren Tatsachen-Aussagen viel näher und ethische Maximen bringen nichts, wenn man sie nicht anwendet und/oder mangels Welt-Wissen nicht einmal weiß, wie man sie anwenden könnte. So ist insbesondere akademische Philosophie für eine ernsthafte Suche nach dem Wahren und Guten nicht ausreichend und man sollte vll. überlegen, die Disziplin in “Die Liebe zur geistigen Spielerei” umzubenennen.
Der Religionsbegriff als familienähnliches Konglomerat – Ein Plädoyer für heuristische Konzepte
In seinen “Philosophische[n] Untersuchungen” weist Wittgenstein daraufhin, dass bestimmte Begriffe wie “Spiel” letztendlich nicht oder nur disjunkt definierbar sind, da sie sich bloß durch eine Familienähnlichkeit auszeichnen, nicht aber durch ein “Wesen” oder eine Eigenschaft, die in jeder Verwendung des entsprechenden Wortes gemeint ist. Ich denke, dass dies ein Ausdruck von einer Bescheidenheit ist, die dem Erkenntnisprozess zugute kommen kann. Sie verweist darauf, dass die Sprache tendenziell ein offenes Netz ist, das auf Neuerungen flexibel reagieren kann, denn wenn es neue Spiele gibt, die anderen, vergangenen Spielen bloß ähnlich sind, nicht aber durch ein “Wesen” verbunden sind, so kann durch die Flexibilität der Sprache hier trotz der fehlenden Wesens-Identität ein Verstehen erfolgen. Definitionen sind in diesem Kontext heuristische Arbeitshypothesen, die sinnvoll, aber nicht abschließend sind. Eine präskriptive Spieldefinition mag in vielen Kontexten brauchbar sein, möchte man aber die Eigenschaften unserer Sprache berücksichtigen und die Möglichkeiten der Weltveränderung beachten, sollte man im Hinterkopf behalten, dass die Idee eines unveränderlichen Wesens kontraproduktiv sein kann.
Ein Beispiel bietet der Begriff der Religion. Kommt man aus einem abendländischen Umfeld, wird man bei dem Begriff zunächst an Götter und Welterklärungen denken. Sieht man sich allerdings den Zen-Buddhismus an, wird man feststellen, dass hier das Konzept eines Gottes überhaupt keine Anwendung findet und das jegliche Welterklärungen dadurch relativiert werden, dass in dem Sprachspiel des Zen-Buddhismus klassische Logik nur teilweise Anwendung finden kann, vielmehr ist in einer Hauptrichtung des Zen die Meditation Zazen der Gehalt des Zens. Abendländische Religions-Definitionen wie beispielsweise substanzialistische Begriffe, die eine Verbindung zum Göttlichen postulieren, sind hier nicht anwendbar und doch können wir den Zen-Buddhismus als religiös verstehen. Nun mag man Religion durch das Vorhandensein von Kultus und/oder Mythos bestimmen, doch wenn wir nur auf Basis unserer Erfahrung mit kontingenten Entitäten wissen, dass wir eine Definition verändern müssen, so ist es anzuraten, bei jeder neuen Definition wie dieser Kultus/Mythos-Definition den Zusatz mitzudenken, dass diese möglicherweise nicht abschließend ist. Etwas ist etwas und vll. auch etwas anderes. Wenn Marx Religion als Opium des Volkes sieht, so mag er eine wichtige gesellschaftliche Funktion von bestimmten religiösen Anschauungen beschreiben, aber es ist anmaßend, diese Funktion als das Wesen aller Religion zu verstehen. Wenn Feuerbach in Gott eine Projektion menschlicher Wünsche sieht, so mag er damit manche Verhältnisse in der Welt korrekt beschreiben, aber viele andere Verwendungen des Gottes-Begriffs werden ausgeschlossen.. Die Religionskritik insbesondere des 19. Jahrhunderts krankt an einer Bezogenheit auf kontingente soziale Strukturen sowie an einem Eurozentrismus und mangelndem methodischen Zweifel. Sie setzt den Absolutheitsansprüchen traditioneller Religionen eigene Absolutheitsansprüche entgegen, damit wird sie aber der Komplexität und den Kontingenzen in unserer Welt nicht gerecht. Wenn Religion früher ein politisch und patriarchalisch instrumentalisiertes Gefüge strenger Dogmen und Riten war, heißt das nicht, dass sie heute nicht als Spiel metaphysischer Weltdeutung betrachtet werden kann, die über Möglichkeiten nachdenkt, die zu Aussagen führt, deren Wahrheitsgehalt nicht überprüft werden kann, da sie jegliche mögliche Erfahrung übersteigen. War sie früher die Antwort auf die Frage “Was muss ich glauben?”, so ist sie heute möglicherweise u.a. die Antwort auf die kantische, religionsphilosophische Frage “Was darf ich hoffen?” und in ein paar Jahrhunderten wird sie vll. völlig anders verstanden. Religionskritik war und ist notwendig, um die Unterdrückung von Menschen aufzuheben, aber man kann es mit ihr auch übertreiben und dann selbst zum Unterdrücker werden.
Über den ontologischen Status von Zahlen
Ontologie ist die philosophische Lehre vom Seienden, insofern es Seiendes ist. Das heißt, das Seiende wird als Seiendes betrachtet. Heutzutage wird vereinfacht auch gesagt: “Ontologie ist die Lehre davon, was ist.” Materialisten behaupten, dass alles, was existiert, materiell ist. Ein Platonist würde entgegen: Es gibt aber doch auch Zahlen und diese sind immateriell. Der Materialist könnte entweder entgegnen: “Es gibt keine Zahlen” oder “Zahlen sind materiell.” Die zweite Variante erscheint mir schwierig, weil mir keine Gründe einfallen, die es plausibel machen würden, dass Zahlen materiell sind. Die erste Variante erscheint mir interessant, denn ähnlich wie von Zahlen, die auf reale Mengen referieren, gibt es auch den Tisch-Begriff, der auf Tische referiert und den Einhorn-Begriff, der auf Einhörner referiert. Während man die Existenz von Tischen intuitiv eher bejaht, werden viele sagen, dass es Einhörner nicht gibt. So wie wir von Einhörnen sprechen, könnten wir auch von Zahlen sprechen. Was hier deutlich wird, ist, dass es offenbar verschiedene Begriffe der Existenz gibt. In der Alltagssprache sagen Menschen: “Nur in unserer Vorstellungen gibt es Einhörner.”, aber auch “Die Sieben ist eine Primzahl.”, nicht aber “Die Sieben ist nur in unserer Vorstellung eine Primzahl.” Im ersten Satz wird mit der Verneinung der Existenz von Einhörnern offensichtlich nicht die Vorstellung oder der Begriff des Einhorns verneint, sondern die These, dass es in einer Außenwelt, die vorausgesetzt wird, Einhörner gibt. Im zweiten Satz ist mit der implizierten Existenz von einer Primzahl keine Zahl in einer Außenwelt gemeint, sondern eine abstrakte Größe, die dem Einhorn-Begriff, nicht aber dem Einhorn ähnelt, auf das der abstrakte Begriff “Einhorn” referiert. Wenn ein Mathematiker etwas logisch als Existenzaussage formalisiert, so kann mit der entsprechenden Existenz, die behauptet wird, eine rein abstrakte Größe gemeint sein. In der Mathematik mag sie existieren, denn das impliziert das Wort “Existenzaussage” in Verbindung mit mathematischem Sprachgebrauch. Hier heißt Existenz aber etwas anderes als beim Einhorn. Auf Basis dieser Argumentation lässt sich eine nicht-monistische Ontologie begründen, die immer erst einmal fragt: “Was verstehst Du unter Sein?” und monistischen Theorien ihre Daseinsberechtigung als philosophische Theorien der Weltbeschaffenheit für einen bestimmten Existenzbegriff nicht abspricht, während sie zugleich zeigt, dass die dort implizierte Verwendung des Begriffs Existenz nicht die einzige ist, die sprachlich erlaubt ist.
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